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Migrationspolitik: Immigrant Entrepreneurs – Türkische Unternehmer in Deutschland[1]

Veröffentlicht am 19.10.2015

Gastbeitrag von Ceyhun-Yakup Özkardes/Trier

 

Er kam nach Deutschland, lernte Deutsch und wurde sehr erfolgreich mit seinem Unternehmen. Die Rede ist von Kemal Şahin, der inzwischen mehr als 100 Unternehmen in Europa besitzt. Die deutsche Migrationspolitik gab zunächst ihr Bestes, Kemal Şahin in die Türkei zu zurückzuschicken.

Migrationspolitik in der EU ist seit dem Amsterdamer Vertrag im Jahr 1999 geregelt als: „Gemeinschaftspolitik mit dem Ziel, die Anerkennung von Asylbewerbern und Flüchtlingen, deren vorübergehenden Schutz und Aufenthalt einheitlich zu regeln“[2]. Flüchtlinge und Asylbewerber sind in der aktuellen Debatte in Deutschland sehr präsent und waren es bereits in der Vergangenheit in der Bundesrepublik. In einer eher restriktiven Phase der Migrationspolitik kam Kemal Şahin zum Studium nach Deutschland und überwand viele Schwierigkeiten.

Immigrant Entrepreneurs © Ceyhun-Yakup Özkardes, bearb. PPP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Immigrant Entrepreneurs © Ceyhun-Yakup Özkardes, bearb. PPP

 

Von 1981 bis 1990 hatte die deutsche Bundesregierung, laut dem Experten für Ausländerpolitik, u.a. Karl-Heinz Meier-Braun, eine Wende erlebt. Der Fokus lag auf einer Begrenzungspolitik[3] und der Frage, wie Ausländer am besten wieder in ihre Heimat geschickt werden können. Die Bundesregierung formulierte am 2. Dezember 1981 eine Politik der Begrenzung, in der sie den Ländern empfahl das Nachzugsalter von 18 auf 16 Jahre zu senken. Daneben wurde die Wohnraumrichtlinie verschärft. Ausländer in Baden-Württemberg mussten pro Familienmitglied zwölf Quadratmeter nachweisen, unabhängig davon, ob das Familienmitglied in Deutschland lebte. Laut dem Bundesbauministerium erfüllten 1,2 Millionen Deutsche nicht diese Forderung.[4] Das Motto der Ausländerpolitik zu Beginn der 80er Jahre war „Rückkehrbereitschaft stärken“[5] und eine restriktive Ausländerpolitik war unter den politischen Parteien ein Konsens.[6] Die Opposition CDU/ CSU führte die deutsche Teilung als Argument für eine restriktive Ausländerpolitik ein. Als ein gespaltenes Land trage die Bundesrepublik historische und verfassungsrechtliche Verantwortung für die deutsche Nation und könne deshalb kein Einwanderungsland werden.[7] Auch in der SPD, die ebenfalls eine restriktive Politik befürwortete, gab es keine Spur mehr von Integrationskonzepten. Die Stimmung wurde zusätzlich aufgeheizt durch Landtagswahlkämpfe, in denen die Asylpolitik eine bedeutende Rolle spielte.[8] In all dieser chaotischen Zeit machte Kemal Şahin seinen Abschluss und wollte noch in Deutschland etwas Arbeitserfahrung sammeln. Doch seine Absichten konnten wegen der aktuellen Migrationspolitik nicht umgesetzt werden. Die Hindernisse die Şahin daraufhin überwand sind sehr vorbildlich und zugleich inspirierend für andere Unternehmer in Deutschland.

Mit 18 Jahren erhielt Kemal Şahin die Chance nach Deutschland zu reisen und besuchte zunächst einen Sprachkurs an einem Goethe Institut in Arolsen. Danach entschied er sich für ein Studium in Aachen und schrieb sich für das Wintersemester 1974 an der Technischen Universität ein.[9] Für das Hauptstudium in Deutschland benötigte er fünf Jahre und hatte während seiner Zeit in Deutschland den Wunsch in der Türkei zu leben und zu arbeiten. Allerdings änderte sich seine Meinung nach dem Militärputsch 1980 in der Türkei, nachdem das Militär aufgrund anhaltender Kämpfe zwischen Links- und Rechtsextremisten die Regierung putschte. Das Leben in der Türkei wurde schwierig. Kemal Şahin versuchte deshalb sein Studium noch in die Länge zu ziehen und erhielt schließlich im Jahr 1982 den Titel eines Diplomingenieurs der Metallurgie. Als Ausländer war es ihm in der Bundesrepublik Deutschland verwehrt eine Arbeitserlaubnis als Ingenieur zu bekommen. Durch eine Selbständigkeit konnte er für unbestimmte Zeit in Deutschland bleiben. Da er weiterhin den Wunsch hatte in Deutschland zu leben hegte er die Idee der Unternehmensgründung. Wie er in seiner Autobiographie beschreibt handelte es sich um eine Notgründung.[10]

1982 gründete Kemal Şahin sein erstes Unternehmen „Santex Moden GmbH“ und verkaufte Geschirr, Elektrogeräte, Wand- und Bodenteppiche. Daneben verkaufte er Geschenkartikel, hatte direkten Kontakt zu den Kunden und lernte dessen Bedürfnisse gut kennen. Bereits nach kurzer Zeit verdiente er den Gehalt eines Ingenieurs.[11]Es folgten weitere Unternehmensgründungen, die andere Verarbeitungen des Textilgewerbes einschlossen, bis die „Şahinler Holding“ die komplette Produktionskette innerhalb des eigenen Unternehmens abwickeln konnte: von der Ernte auf den Baumwollplantagen in der Türkei bis hin zur Rohverarbeitung  der Baumwolle in den Fabriken. Selbst die Vermarktung und das Design der Kleidung erfolgten in einem seiner Unternehmen oder einem der Tochterunternehmen.[12] Die biographischen Eckdaten seiner Laufbahn, werden in die Migrationspolitik eingebettet und es werden Gründe für den Erfolg seiner Laufbahn identifiziert.

Mit 18 Jahren im Jahr 1973 kam Kemal Şahin mithilfe eines Stipendiums der türkischen Eti-Bank nach Deutschland. Im selben Jahr verlautbarte die deutsche Bundesregierung offiziell den Anwerbestopp. Es wird aus der Autobiographie nicht deutlich wann Kemal Şahin 1973 in Deutschland einreiste. Er kam allerdings in einer Zeit in Deutschland an, als ein starker Schwenk in der Migrationspolitik stattfand. Der Anwerbestopp markierte einen wichtigen Wendepunkt. Eine dauerhafte Ansiedlung in Deutschland ist keine Option mehr und die politische Elite, die damalige sozial-liberale Regierung, stellt die Forderung für Migranten auf die Rückkehr in die jeweilige Heimat zu erwägen.[13] Nach neun Monaten Sprachkurs und weiterer sprachlicher Fortbildungen in Gastfamilien, schrieb sich Kemal Şahin daraufhin zum Wintersemester 1974 an der Technischen Universität in Aachen ein. Nach Ende seines Studiums im Jahr 1982 herrscht in der Bundesrepublik Deutschland eindeutig eine Politik der Rückführung von Ausländern in ihre Heimatländer. In dieser Politik ist auch der Grund für die Aufforderung der deutschen Behörden an Şahin wieder in die Türkei zurückzureisen ersichtlich. Die einzige Möglichkeit in Deutschland zu bleiben bestand für Şahin in einer Unternehmensgründung, die er auch daraufhin bewerkstelligte.

Die Migrationspolitik beeinflusste Şahin sehr stark und führte zu einer Notgründung, da er ansonsten Deutschland verlassen musste. Bereits in der Vergangenheit als auch in der aktuellen Debatte nimmt die Migrationspolitik eine wichtige Rolle ein, doch genau wie damals gibt es auch heute Versäumnisse in der Politik. Zumindest hat sich die Politik gegenüber türkischen Unternehmern im Vergleich zu den 80er und 90er Jahren verbessert. Laut einer Studie des Zentrums für Türkeistudien aus dem Jahr 2007 hat die Zahl der türkischen Selbstständigen in Deutschland stark zugenommen. Im Jahr 1986 waren es lediglich 23.000 türkische Selbstständige und im Jahr 2006 bereits 68.300 türkische Selbstständige. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Zahl der türkischen Selbstständigen fast verdreifacht.[14] Zwar gibt es Zahlen über die Selbstständigen Quote allerdings gibt das nicht Aufschluss darüber, welchen Anteil die Politik dabei spielte. Über die verschiedenen Programme, Investitionen und Fördergelder hätte sich Kemal Şahin mit Sicherheit am Anfang seiner Karriere gefreut und auch intensiv genutzt.

 

Literaturverzeichnis:

Faruk Şen/ Yunus Ulusoy/ Cem Şentürk: Turkish Entrepreneurship in Germany and European Union in: The Journal of International Social Research, Volume 1(2) 2008, S. 407.

Friedrich Ebert Stiftung, Digitale Bibliothek: Die Bundesrepublik Deutschland: Einwanderungsland neuen Typs, URL: http://www.fes.de/fulltext/asfo/00227002.htm [3.9.2015]

Meier-Braun, Karl-Heinz: Deutschland, Einwanderungsland, Frankfurt am Main 2002.

Şahin, Kemal: Der Falke in der Fremde: Der größte türkische Unternehmer in Deutschland, München 2002.

Schönwälder, Karen: Einwanderung und ethnische Pluralität. Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, Berlin 2001.

Zandonella, Bruno: Pocket Europa. EU-Begriffe und Länderdaten, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009.



[1] Dieser Essay ist ein Ausschnitt aus der BA Arbeit „Immigrant Entrepreneurs“  von Ceyhun-Yakup Özkardeş, in der die Biografien von Kemal Şahin, Vural Öger und Cenigz Hayati Önel analysiert werden. Weiterführend: http://forms.aweber.com/form/14/2015620314.htm

[2] Zandonella: Pocket Europa.

[3] „Die Begrenzungspolitik bezieht sich dabei ausdrücklich nur auf bestimmte Gruppen. So wurde z. B. der Nachzug von Familienangehörigen von Ausländern aus den Anwerbeländern zu Beginn der 80er Jahre drastisch eingeschränkt. 16- und 17jährige Kinder durften nicht mehr einreisen und die Ehegatten der hier lebenden Ausländern der zweiten und dritten Generation nur nach einer Wartezeit. Mit dem neuen Ausländergesetz von 1991 ist diese letzte Regelung rückgängig gemacht worden.”, Friedrich Ebert Stiftung, URL: http://www.fes.de/fulltext/asfo/00227002.htm [3.9.2015]

[4] Meier-Braun: Einwanderungsland, S. 49ff.

[5] Ebd., S. 53.

[6] Ebd., S. 52ff.

[7] Ebd., S. 52ff.

[8] Ebd., S. 52ff.

[9] Şahin: Der Falke, S. 54-61.

[10] Şahin: Der Falke, S. 64-70.

[11] Şahin: Der Falke, S. 70.

[12] In seiner Autobiografie geht Kemal Şahin auf die zahlreichen Neugründungen ein, die aufgrund der Vielzahl und ihrer Länge nicht weiter thematisiert werden in dieser Arbeit.

[13] Schönwälder: Einwanderung, S. 496f.

[14] Faruk Şen/ Yunus Ulusoy/ Cem Şentürk: Turkish Entrepreneurship in Germany and European Union in: The Journal of International Social Research, Volume 1(2) 2008, S. 407.

 

 

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