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Dr. Cüneyt Ülsever spricht über den türkischen Journalismus.

Veröffentlicht am 01.05.2014

Interview von Gökcan Göksu/Istanbul

 

Dr. Cüneyt Ülsever ist 1951 in Ankara/Türkei geboren. Seine Dissertation schrieb Ülsever an der Harvard University mit wirtschaftlichen Schwerpunkt über Human Resources. Ülsever lebte acht Jahre in den USA und zwei Jahre in Italien. Während seines Aufenthalts in der Türkei beriet Ülsever türkische Banken. Seine journalistische Tätigkeit ist auf 18 Jahre Erfahrung in dem Sektor zurückzuführen. Bis dato veröffentlichte Ülsever 18 Publikationen. Zu seinen Publikationen zählen politische Schriften und acht Kriminalromane. Neben seiner journalistischen Arbeit lehrt Ülsever derzeit an der Koc Universität in Istanbul „Medien und Politik“, „Journalismus“ und „Medienethik“.

Interview in "The Marmara" (Istanbul/Türkei) © Gökcan GöksuInterview in "The Marmara" (Istanbul/Türkei) © Gökcan Göksu

P.P.P.: Herr Ülsever vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben. Wie Sie sich sicher vorstellen können ist das Interesse an der Türkei in den letzten Jahren stetig gestiegen. Zum einen werden die politischen Ereignisse und zum anderen das Berufsfeld des Journalisten in der Türkei mit großem Interesse verfolgt. Sie arbeiten seit 18 Jahren als Journalist. Was heißt Journalismus in der Türkei?

 

Ülsever: Im klassischen Sinne ist der Journalismus überall gleich zu verstehen: Berichterstattung, investigativ Arbeiten, Nachrichten kommentieren die das eigene Land betreffen und in globaler Perspektive erklären, aber selbstverständlich auch Meinungen produzieren. Der aller wichtigste Punkt ist selbstverständlich die Berichterstattung, d.h. die Menschen über Ereignisse informieren. Nachrichten nehmen für uns Türken eine eigentümliche Empfindung an. Wenn beispielsweise zwei Freunde sich in der Türkei eine Weile nicht gesehen haben fragen sie „N’aber?“, also „Ne haber?“ (zu Deutsch: Was gibt es für Nachrichten?). Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber in Amerika fragen die Leute „What's up man?“. What's up heißt auch hier soviel wie „Was geschieht so?“. Nachrichten sind für uns Türken sichtlich besonders wichtig. „N’aber?“ oder „Ne haber var?“ (zu Deutsch: was gibt es für Nachrichten?) zeigt, dass die Nachrichten im alltäglichen Fokus der Menschen präsent sind. Wenn beispielsweise geantwortet wird „iyi“ (zu Deutsch: gut) versteht man soviel wie „es ist alles in Ordnung und es gibt keine Nachrichten“. Eine andere mögliche Antwort „yuvarlanıp gidiyoruz“ (zu Deutsch: ich Rolle vor mich hin) zeigt ebenfalls keine Änderung und somit nur gute Nachrichten. Wie im journalistischen Beruf die Nachrichten im Mittelpunkt stehen, sind Nachrichten auch unter dem türkischen Volk im Alltagsleben verankert. Eines der wichtigsten Attribute des Menschen ist die Neugierde. Er kommt aus dieser Neugierde nicht heraus. Seit Menschengedenken möchte der Mensch wissen was um ihn herum geschieht, er ist von Natur aus ein neugieriges Wesen. Was war die erste Neugierde, die erste Nachricht? Klimafragen. Wetterbedingungen. Also meteorologische Fragen interessierten den Menschen von Beginn an. „Wie wird morgen das Wetter werden?“ – insbesondere die Menschen aus der Landwirtschaft fragten nach Regen, Eis oder Schneefall. Denn diese Fragen waren die wichtigsten für sie. Dies ist auch der Grund weshalb man in den Nachrichten mit meteorologischen Fragen beginnt.

 

 

P.P.P.: Sie haben vorhin den allgemeinen Journalismus auf der Welt beschrieben. Was aber macht den türkischen Journalismus aus? Wie erleben sie den Journalismus konkret in der Türkei? Wie lebt man ihn aus?

 

Ülsever: Ich möchte sehr gerne meinen persönlichen Eindruck schildern. Wenn ich den Journalismus mit den mir bekannten Ländern des Westens vergleiche, sind die türkischen Journalisten im Vergleich mit westlichen Journalisten unwissend. Während der Journalismus im Westen auf sehr hoher intellektueller Ebene produziert wird, baut der türkische Journalismus zum Großteil zunächst auf Unwissen auf. Dafür aber beruht sie stark auf eigenen individuellen Ideen und Meinungen. Das ist der erste wichtige Unterschied. Hierdurch wird der Journalismus beachtlich runtergestuft. Zweitens –  leider erst nach den 1980er für die Türkei gültig – strebte der westliche Journalist nicht nach Reichtum. Wer auf Reichtum aus ist kann Bänker oder Investor werden. Journalismus ist vielmehr eine Frage der Ideologie; ein enthusiastischer Beruf. Deshalb sollte man als Journalist nicht auf ein hohes Gehalt aus sein. Jedoch sollte ein Journalist eine zumutbare finanzielle Einkunft beziehen können. Schließlich muss er seinen Lebensunterhalt ausgleichen können, aber er sollte nicht den Blick auf Reichtum gerichtet haben. In der Türkei war früher der Blick auf die Villen gerichtet. Wie hat die Person die Villa erhalten können? Die Antwort eines türkischen Journalisten war dann stets „Ich habe es verdient, also habe ich es gekauft“. Ich sage es mit Nachdruck: ein Journalist kann nicht das Einkommen besitzen, um eine Villa für sieben Millionen Dollar am Bogaz zu kaufen. Das sollte auch nicht sein. Denn wir produzieren nichts. Ich möchte nicht deren Recht auf Geld hinterfragen. Einen plausiblen Betrag um den eigenen Unterhalt zu finanzieren ohne sich Gedanken um seine Existenz zu machen sollte er verdienen. Anstatt des Gehaltes sollte der Journalist sein Ansehen in den Vordergrund stellen. Der interessierte Mensch sollte über seine Nachrichten, seine Ideen und seine Meinungen diskutieren. Wenn ihn der Bürger auf der Straße begegnet sollte dieser ihn mit Sympathie grüßen, und darüber hinaus von Zeit zu Zeit in politischen Fragen nach seiner Meinung Ausschau halten. Fragen wie „Abi (Respektform für Großer Bruder) was passiert gerade so in unserem Land?“ sollte ihn die Bürger stellen. Solch ein Beruf sollte der Journalismus sein. Bis zu den 1980ern war das die Einstellung des türkischen Journalismus. In seltenen Fällen wie die Nabi-, Karacan-, Simavi-Familien prahlten mit ihrem Journalismus und nicht mit ihrem Geld. Die Simavi-Familie beispielsweise verbrachte ihre Zeit in Europa, um mit ihrem Geld in der Türkei nicht zu sehr aufzufallen. Denn das prahlen mit dem eigenen Reichtum galt als Impertinenz. Als der Premierminister zu seiner Zeitung kommen sollte verlies Ercüment Karacan die Zeitung. Es könnte ja geschehen, dass er mit dem Premierminister gesehen wird und das könnte falsch verstanden werden war sein Hintergedanke. Ein Premierminister kommt nicht mit einem Journalisten zusammen war seine Ideologie. In der jetzigen Zeit sehen wir in den Telefonmittschnitten, dass der jetzige Premierminister Recep Tayyip Erdogan die Zeitung befehligt und die Köpfe rollen lässt. So nah sind die heutigen Journalisten mit der Politik verflechtet. Das journalistische Verständnis von Simavi und Karacan ist entgegengesetzt zu dem von Aydin Dogan und den Besitzer von HaberTürk. Das genau ist entgegengesetzt zu dem journalistischen Beruf der 1980er. Während die vergangenen lieber ihr Geld und nicht ihr Ansehen verlieren wollten, ziehen die heutigen Journalisten lieber den Verlust ihres Rufes vor ihrem Geld vor. Das ist der größte Unterschied der vergangenen und der heutigen Türkei. Sind jetzt nur die Chefs so eingestellt und die kleinen Angestellten sind anders? Nein. Alle Angestellten besitzen die selbe Vorstellung von Journalismus wie ihre Chefs. Wie ich bereits erwähnt habe: ein „köşeyazar“ (zu Deutsch: Randschreiber; Kommentator) behauptet für eine Villa im Wert von sieben Millionen Dollar gearbeitet zu haben. Ich sage es offen heraus: meine Meinungen können keine sieben Millionen Dollar wert sein – es ist unmöglich so etwas für einen Journalisten zu produzieren. Stellen Sie sich das mal vor: Sie verdienen nicht nur das Geld für eine Villa, sondern auch noch für Ihre etlichen anderen Ausgaben. Wenn Sie dem Geld zuliebe anfangen zu arbeiten, beginnen sie automatisch für die Stärkeren, die über ihnen stehen, zu produzieren. Im Klartext heißt es, sich selbst erst für den Chef und anschließend für die politische Aristokratie zu versklaven. Ein hohes Gehalt verdienen und gleichzeitig eine oppositionelle Haltung gegen die Regierung haben ist nicht möglich. In einer alten Redewendung heißt es: „Gönlüm oynaşta, gözüm cennete“  (zu Deutsch: Mein Herz ist beim Flirten, meine Augen im Paradies) – das kann zweifellos nicht sein. Du wählst entweder das Flirten oder das Himmelreich, beides zusammen funktioniert nicht. Sobald jemand diese Einstellung vertritt übergibt diese Person die Leine an einen Dritten und wie ich zuvor beschrieben habe sind die Chefs nicht dieselben aus vergangener Zeit. Sobald jede Person seinen eigenen Profit zu steigern versucht, wird die oberste Person die Macht in allen Bereichen an sich reißen oder diese Person wird aus dem System ausgeschlossen. Leider ist es in der türkischen Berichterstattung heute soweit, dass diejenigen Personen, die dieses Spiel nicht spielen möchten aus der Branche verdrängt werden. Meine ehrenvollen und respektverdienenden Freunde sind mittlerweile in der Minderheit.

 

P.P.P.: So wie ich verstehe kritisieren Sie den idealistischen Wandel von den 1980ern bis in die Gegenwart. Früher wurden Journalisten nach täglichen Nachrichten in der Gesellschaft um Rat gefragt. Sie waren als Bindeglied der politischen Ereignisse angesehen. Heute hört es sich so an, als sei der Journalismus mit erheblichen Schwierigkeiten, geknüpft an die Politik, verbunden.

 

Ülsever: Schau Sie es gibt es zwei Dinge. Erstens: das was global den Journalismus in Bredouille bringt, eine technologische Revolution. Nach Thomas Cohen gibt es einerseits die wissenschaftlich und anderseits die technologische Revolution. Die wissenschaftliche Revolution entwickelt sich in dem neue Erkenntnisse dazu gewonnen werden. Urplötzlich wird eine neue Welt entdeckt. Bis Kopernikus hat sich alles um die Erde bewegt. Erst Kopernikus hat den neuen Blickwinkel in eine neue Richtung gelenkt und das bis dato herrschende Bild auf den Kopf gestellt. Während der Mensch sich in dem einen Augenblick im Mittelpunkt sah hat sich dies von jetzt auf gleich geändert. „Ich bin doch nur ein kleiner Teil vom Ganzen“ war von nun an die Vorstellung der Menschen. In der letzten Periode, der technologischen Revolution fand auch der Wandel im journalistischen Feld statt. Nachrichten sind nicht mehr in der Hand der Journalisten. Auch die Meinungsbildung ist nicht mehr das Monopol der Journalisten. Jede mutige Person kann jetzt journalistisch Arbeiten. Selbst wenn er oder sie es vom Beruf her nicht ist. Sobald eine Person fortwährend twittert, produziert er Nachrichten und Meinungen. Das was wir als soziales Netzwerk bezeichnen produziert somit etwas. Was haben wir in den Gezi-Ausschreitungen gesehen? Junge Menschen haben inklusive Wahrheiten und Lügen Meinungen und Nachrichten. Jede Person kann wenn sie möchte einen Blog öffnen und Artikel verfassen. Niemand kann sie daran hindern. Aber im Allgemeinen ist das Monopol aus der Hand des Journalisten entglitten. Was ist die Eigenschaft des journalistischen Berufes? Im Allgemeinen exisitert in einem Beruf ein Monopol. Ein Doktor hat sein Monopol in der Medizin. Wenn plötzlich jeder von der Medizin Ahnung hätte, wieso sollte ich dann noch zum Mediziner? Ich würde mich selbst kurieren. Wenn ich vom Herzen Ahnung habe und ein Freund von der Lunge, würden wir uns gegenseitig behandeln. Irgendwie würden wir das schon regeln. Justiz! Warum gehen wir bei Streitigkeiten zum Anwalt und verteidigen uns nicht selbst? Weil einer das Wissensmonopol über etwas hat, das sonst keiner hat und wir respektieren dies. Wenn ich mit dem Strafgesetzbuch in der Tasche anfangen würde mich selbst zu verteidigen würden meine Kinder mich in Argwohn fragen was ich da mache. Das journalistische Monopol hatten früher wir Journalisten. Aber nun hat der Journalismus weltweit dieses Monopol nicht mehr. Dies ist der eine Teil. Der andere politische Teil hat mit dem nationalen Aufschwung zu tun. In der Türkei waren Journalisten niemals Intellektuelle. Nach dieser Revolution war es im Westen wichtig, dass ein Journalist etwas spezielles zu berichten hat, um überhaupt Gehör zu finden. Er oder sie müsste etwas sehr originelles sagen, sodass der interessierte Mensch, aus dem Netz oder auf Papier, auf den Journalisten oder die Journalistin aufmerksam und neugierig wird. Amerikanische oder deutsche Journalisten sind ein wenig intellektueller. Dagegen trennt sich im türkischen Journalisten die Spreu vom Weizen. Journalisten mit jahrelanger Berufserfahrung erlangten während der Gezi-Ausschreitungen weniger Aufmerksamkeit, als Posts und Tweets von 24-jährigen Jugendlichen. Die Meinung des Jugendlichen war um vieles wichtiger. Wenn wir alten Journalisten in Konkurrenz mit der Technik und gegen den Jugendlichen antreten, hätten wir mit unserer Erfahrung und unserem gesamten Wissen sie besiegen können. Was aber  ersichtlich wurde: Nein, das können wir nicht! Achten Sie einmal ganz genau darauf: Anstatt einer Wissenspolemik, ist die personenbezogene Polemik wichtiger. Schauen Sie sich die „Köşeyazar“ genau an. Nicht was sie über die AKP-Regierung pro oder contra schreiben, oder meinetwegen über Ergenekon, werden diskutiert, sondern die Schreiber und Schreiberinnen der Artikel. Was aber doch in Wirklichkeit die Sache versüßen sollte sind unterschiedliche Meinungen. Über diese sollte die  Polemik betrieben werden. Aber nein, die Schreiber oder Schreiberinnen werden als Sklave oder Sklavin der USA, der CIA oder sonst wem degradiert. „Nein du bist ein Regierungsschleimer“, „nein du bist im Dienst von Ergenekon“ oder ähnliche Sprüche werden niveaulos als Meinungsmache verstreut. Es interessiert Dritte nicht interessiert, aber genau diese individualisierte Polemik beherrschen das journalistische Feld in der Türkei. Ich bin zwar derzeit verboten, aber in den Polittalks an denen ich teilgenommen habe, wie beispielsweise im Fernsehen, sind die Produzenten unglücklich, wenn es in der Sendung nicht zum Eklat oder Streit kam. Es sollte und musste zu Handgreiflichkeiten kommen. „Wenn es ein höflicher Disput ohne Handgreiflichkeiten wird erhalte ich keine Einschaltquoten“ ist im Kopf der Produzenten. „Ich kenne dich, ich weiß was du für ein Idiot bist“, „ich weiß was du für ein Schleimer bist“ oder ähnliche Äußerungen dominieren den journalistischen Sektor. Wir produzieren nichts was die Menschen beruhigt.

 

P.P.P.: Macht und Reichtum. Sagen Sie die ideologischen Werte von Journalisten gehen in der Türkei verloren?

 

Ülsever: Das Ideenleben, das Kulturleben erodiert in der Türkei. Was hat beispielsweise  die AKP bei Amtsantritt immer wieder in den Vordergrund gestellt? Sie sei an die Macht gekommen, weil sie eine 600 Jahre alte Kultur repräsentiert. „Meine Vergangenheit ist stark“ waren die Aussagen. Aber was hat die eigene Historie produziert? Ein oppositionelles Theaterspiel? Eine Melodie? Eine klassisches Musikstück? Ein Theaterstück? Ein Gedicht? Eine Serie? Nichts davon wurde Neugeschaffen. Seit Jahren erzählt man von der osmanischen Küche. Was die AKPler in den zehn Jahren immer wieder thematisierten, ist selbst in der osmanischen Küche von heute nicht hervorgetreten. Ist so etwas hervorgebracht worden? Nein. Wo die bisherigen Menschen in die Luxus-Restaurants gegangen sind, gehen jetzt auch die AKPler hin. Sie sind Nachahmer. Es gab so etwas wie „Paper Moon“ wo in Ettiler/Istanbul die Reichen hingingen. Der einzige Unterschied, der mit der Rückbesinnung auf die eigene Historie hervorging, war die Öffnung einer Moschee in diesen Restaurants. Bei Paper Moon hat sich weder das Menü, noch irgendetwas anderes in der Küche verändert. Wenn mir jemand sagt die Osmanen haben eine eigene Küche, bitte ich diese Person mir doch mal ein ein Restaurant mit osmanischen Menü zu zeigen, damit ich die Küche kennenlernen und typisch osmanisch essen kann. So etwas existiert aber nicht. Was vor 2002 existierte besteht nach wie vor. Der Unterschied ist wie ich bereits erwähnt habe die Moschee. Es hat sich eben nur das konservative Klientel gesteigert. Alkoholservierende Restaurants sind weniger geworden. Aber in Bezug auf „Unsere Kultur“, die Küche wurde nichts neues geschaffen. Gab es so etwas ähnliches davor etwa nicht? Selbstverständlich gab es sie. Die Zuneigung und Orientierung zum Westen. Dieses Land hat etliche Ahmet Hamdi Tanpinar hervorgebracht. Wie viele Yahya Kemal hervorgebracht. Das sind zwei Personen die eine Synthese herstellen konnten. Wie viele Minür Nurettin Selcuk, wie viele Abidin Dino hervorgebracht. Aus dieser Perspektive war dieses Land sowieso nicht zurückgeblieben.

 

P.P.P.: Also hat sich nicht wirklich viel im Land verändert?

 

Ülsever: Die Menschen haben sich verändert. Die Einstellung der Menschen, die in Luxus-Restaurants gehen haben sich verändert. Das Geld verdienen nun andere. Der Bartschnitt hat sich verändert. Die Klamotten haben sich verändert. Aber sie gehen in das gleiche Restaurant und machen das gleiche. Es ist sehr schmerzhaft in diesem Land werden nur noch Meinungen produziert. Es gibt keine Philosophie mehr in diesem Land. Eine Universität für Philosophie hat nur noch Studierende, die keinen anderen Bereich gewinnen konnten. Sie sind gezwungenermaßen in der Philosophie gelandet. Neulich ist einer meiner Schüler aus dem Philosophiebereich zu mir gekommen. Er war durcheinander. Er hat sich aus freien Willen an der Koc Universität zum Philosophie-Studium immatrikuliert. „Meine Mutter und meinen Vater außer Acht gelassen, fragen selbst meine Onkel wieso zum Henker ich dieses oder jenes lese. Es gibt keinen aus der Familie, der mich nicht verbal verprügelt hat. Was willst du damit? In ein paar Jahren bist du finanziell von Diesem oder Jenen abhängig.“ Er möchte zwar Philosoph werden, aber in seiner Familie herrsche nicht ein kleiner Funken Verständnis. Keiner aus seiner Familie würde sich mit seinem Studium der Philosophie angeben wollen. Stattdessen fragen sie ihn, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Die Philosophie ist an einen Punkt gekommen in der Studierende schlichtweg erniedrigt werden. Lassen Sie mich Ihnen den Grund nennen. Wir sagen wir Türken hin und wieder: „Efkar bastı“. Was macht man wenn einen „efkar“ überfällt? Man geht in eine Schenke zum Trinken. Oder man trinkt auch einen Kaffee um die Gedanken zu zerstreuen. „Efkar“ ist somit ein Zustand aus dem der Mensch hastig versucht auszubrechen. Was aber heißt es von „efkar“ überfallen zu werden? Efkar heißt von Ideen überfallen zu werden. Efkar ist aus dem Osmanischen und die Pluralform von Idee. Das ist ein alter Termini und nichts Neues. In einer Welt überfällt eine Person viele Ideen und man reagiert darauf. Weil der Person es zu viel wird versucht mit Trinken aus diesem Zustand auszubrechen. Ich möchte einige Synapsen in meinem Gehirn lahmlegen damit sie still sind. Wie viele Menschen haben wir, die ihre Ideen zum schweigen bringen möchten? Der eine sagt ich bring dich in die Schenke damit du von deinen Ideen befreit wirst. Wir kommen aus einer Kultur, die Ideen als etwas Schlechtes betrachtet. Wir beschweren uns von zu vielen Ideen. Das ist in den letzten 10 bis 15 Jahren endgültig gestorben. Warum? Die gesellschaftliche Idee, die Meinung und die Kultur wird von den Führern vorgegeben. Wenn der Premierminister eines Landes wie Recep Tayyip Erdogan, die industriellen oder technologischen Einrichtungen, konkret die Telefonmittschnitte ohne Weiteres als Fälschung dahinstellen kann dirigiert er die Idee, die Meinung eines Volkes. Er habe die Fälschung gefühlt. Das Fühlen reicht bereits aus. In jedem anderen Land würde sich solch ein Minister blamieren und zurücktreten. Ich habe die Fälschung gefühlt! In solch einem Land leben wir. 

 

P.P.P.: Sie meinen einen Wandel beobachten zu können. Das Ranking von Reporter ohne Grenzen stuft die Türkei in puncto Meinungsfreiheit der Journalisten von ehemals 148 auf 154 herunter. Ist das auf die letzten zehn Jahre zurückzuführen?

 

Ülsever: Selbst in einem noch konservativeren Land wie China sitzen nicht so viele Journalisten im Gefängnis wie in der Türkei. In der Periode zwischen 2002 und 2010 können Sie beobachten, dass eine Menge – nahezu 80 Prozent – der renommierten Journalisten ihren Arbeitsplatz verloren haben. Die Hürriyet oder die Milliyet ist nicht die alte Zeitung. die Sabah Zeitung ist völlig aus dem Ruder geraten. Das Milieu beruht derzeit auf einer simplen Ideologie: „Dem Geld zu Liebe sag ich was immer ich möchte. Gib du mir einen guten Lohn für ein Haus und Auto und ich schreibe was du von mir möchtest“. Die journalistische Branche in der Türkei ist mit solchen Menschen übersät. 

 

P.P.P.: Also seit 2002 ist tatsächlich ein Problem zu beobachten. 

 

Ülsever: Beachten Sie folgendes: Ich sage nicht, es hat sich in der türkischen Gesellschaft alles zum Negativen entwickelt. Sie fragen nach meiner journalistischen Meinung. Die Minderheiten in der türkischen Gesellschaft, die ehemals diskreditiert wurden werden allmählich ein Teil der Gesellschaft. Während früher eine Frau mit Turban auf der Straße nicht laufen konnte, sitzt sie nun in einem Geländewagen. Regierungen, auch Diktaturen sind immer darauf aus den Menschen etwas zu geben. Gute Diktaturen versuchen das soziale Leben der Gesellschaft auf die eine oder andere Weise zu steuern. Sie geben den Menschen etwas. Die AKP-Regierung gab in den Bereichen Bildung und Gesundheitswesen der türkischen Bevölkerung etwas. Sie hat etwas zustande gebracht was die vorherigen Regierungen nicht geschafft haben. Die AKP hat die Messlatte mit ihrer Arbeit für andere auf die Spitze gesteckt. Dies ist auch der allerwichtigste Punkt weshalb sie noch immer auf den Füßen steht. Ein anderes Beispiel für ihre produktive Arbeit sind die illegal eingerichteten Slums in der Türkei. In nahezu allen Städten wurden diese sogenannten „Gecekondu“-Häuser (zu Deutsch: über Nacht dahingestellt) abgerissen und hierfür Häuser mit Heizung, warmen Wasser, Internet- und Fernsehverbindung eingerichtet. Die ehemaligen Menschen aus den Gecekondu leben jetzt in den neuen Häusern. Die Gesundheitspolitik der AKP hat es den finanziell schwachen Menschen die Möglichkeit erleichtert zu Ärzten zu gelangen oder an Arznei zu gelangen. Konkret heißt das: der Gesundheitssektor für Reiche ist nun auch allmählich den sozialschwachen Menschen zugänglich. Es soll jetzt nicht heißen die Spitze sei erreicht, aber eine positive Entwicklung ist erkennbar. Um auf das Thema der Gecekondu zurückzukommen. Ungefähr 2,5 Millionen Häuser, auch Familien aus dem untersten sozialen Milieu sind nun Hausbesitzer. Was ist klassisch für türkische Familien? Eine Frau und ein Mann heiraten, wenn die Arbeit gut ist, das Glück gut verläuft, wird man in vielleicht zwanzig Jahren Hausbesitzer, also nahe des Rentenalters. Selbstständig Arbeiten und selbstständig Geld verdienen ist für Türken sehr früh wichtig. Jetzt kann ein Polizeibeamter mit bereits 25 Jahren ein Haus samt Grundbuch besitzen. Raus aus den Gecekondu-Slums in eine eigene Wohnung. Das ist der Grund für die positive Resonanz der AKP. Im Bereich der Bildung sieht es ähnlich aus. Sozialschwache Familien hatten Schwierigkeiten ihre Kinder zur Schule zu schicken. Jedes Jahr im September wird Kohle an diese Familien verteilt und für jedes Kind alle notwendigen Materialien für den Schulbeginn, wie Stifte, Lineal, Hefte u.ä. bereitgestellt. Was wir auch nicht sehen sind die sogenannten „taşımalı okullar“ in der beispielsweise sieben bis acht Dörfer zusammengeführt und eine hervorragende Schulen für alle Dörfer gebaut werden. Von den Dörfern werden die Kinder mit Fahrzeugen in die Schule befördert. Sie holen das Kind morgens um sieben Uhr ab, bringen sie in die Schule, die Kinder kriegen drei Teller etwas zu Essen, abends nach vier Uhr kriegen die Grundschüler ihre Milch und einen kleinen Kuchen, der Magen wird gefüllt und anschließend werden sie nach Hause gefahren. Das sind nur einige Dinge. Alle Materialien in der Tasche des Kindes sind gestellt. Die Familien haben daher keine finanzielle Last mehr die Bildung des Kindes selbst zu Stämmen. Über die Bildung hinaus sagen die Menschen „die ernähren mein Kind besser als ich es könnte“. In allen Krankenhäusern kannst du jetzt deinen Rentenausweis vorzeigen und du erhältst schneller einen Termin. Da ich Kreislauf und Zuckerbeschwerden habe meldet sich meine Apotheke alle drei Monate bei mir und weist mich daraufhin, dass meine Arznei zur Abholung bereitsteht. Für zehn Packungen zahle ich drei türkische Lira. Also meine Medikamente für drei Monate nur drei türkische Lira. Wenn ich mir jetzt überlege diese Medikamente aus eigener Tasche zu bezahlen, würde ich für drei Medikamente im Monat 78 türkische Lira bezahlen. Für einen Rentner wie mich mit  ca. 500 türkischer Lira im Monat wäre das undenkbar. Und die Medikamente sind für mich unverzichtbar. „Ich lasse diesen Monat mal die Kreislaufmedikamente oder die Zuckermedikamente aus“ geht nicht. Wenn nun der kranke Rentner, der sonst von seinen 500 türkischen Lira im Monat 120 abgeben muss, nun aber neben der fast kostenfreien Medikamente, jetzt auch seine Blutwerte alle drei Monate gratis kontrolliert bekommt, ist es für ihr verständlicherweise eine schöne Welt. Im Moment kommen täglich beladene LKWs in die ärmeren Gebiete von Istanbul mit Proviant. Es mag zwar sein, dass wir Gott sei Dank einen Kilo Linsen nach Hause bringen können, aber das können in Istanbul 60% der Einwohner nicht. Auch in diesen Bereichen kann nicht bestritten werden, dass die AKP etwas geleistet hat. Aber den Bereich, den du gefragt hast bezieht sich auf das Leben in der Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit, Philosophie oder ähnliche Bereiche, in der die Gesellschaft stark angespannt ist. Die Logik der heutigen AKP Regierung ist folgende: alles was du zum Leben benötigst gebe ich dir und im Gegenzug nehme ich dir dein Recht zur Widerrede. Ähnlich Peder Sai Baba. „Mein Sohn, meine Tochter, ich komme für all eure Ausgaben auf. Dein Brot, deine Schuhe, deine Klamotten und so schreiten wir mit Gott voran. Aber im Gegenzug kannst du keine Meinung besitzen“. Dies ist in der anatolischen Vorstellung sehr verbreitet, dass der Vater zunächst sein Kind und dann sich ernährt. Man darf natürlich seine Leistung nicht herunter reden. Er schuftet für die Familie. Aber im Gegenzug kann das Kind nicht sagen „lass diesen Salzstreuer kaufen“. 

 

P.P.P.: Also ist es so einfach in dem man den Honig und die Sahne dahinstellt und dann das Recht auf die eigene Meinung abtritt.

 

Ülsever: Genau so ist es. Wenn dann noch eine Person sowieso keine eigene Meinung hat oder sich nicht gezwungen sieht eine Meinung zu produzieren, fühlt er oder sie sich sowieso von nichts gestört. Wenn ich sowieso nicht im Wettstreit bin und ich auch keinen Einspruch habe dankt man Gott und das war es. Ein guter und naiver Freund hat mich tatsächlich gefragt: „Gott sei gedankt deine Lage ist besser als meine. Kannst du nicht aufhören immer die AKPler zu thematisieren? Sei es doch um die eigene Meinung. Wie viele Jahre wirst du schon leben. Mach dir doch einfach ein schönes Leben." Seine Kernaussage ist tatsächlich meine Lage sei besser als seine und dennoch würde ich mehr als er die Probleme der AKP aufwalzen und obwohl deren Lage schlechter sei als meine solle Gott ihnen Tayyip nicht wegnehmen. 

 

P.P.P.: Eine letzte Frage möchte ich Ihnen stellen. Hat sich nach den Gezi-Ausschreitungen tatsächlich etwas verändert in der Türkei verändert? Zuvor hatten es die Journalisten schwierig. Gibt es jetzt noch mehr Probleme? Wie Sie ja bereits angesprochen haben nehmen die Sozialen Netzwerke wie Twitter an Bedeutung zu. Auch Bloggs vermehren sich.

 

Ülsever: Gezi-Park hat zwei Paradigmen verändert. Der Premierminister war überzeugt alles unter Kontrolle halten zu können, doch Gezi hat ihn das Gegenteil gelehrt. Selbst oppositionelle wie wir dachten „dieser Mann wird nicht mehr gehen“. Durch Gezi haben wir angefangen zu denken „vielleicht könnte er gehen“. Seit Gezi ist der Premierminister an seine Grenzen erinnert worden und wir an unsere Hoffnungen. Der Premierminister war der Überzeugung „niemand kann mich jetzt noch von seiner Position wegbringen“. Und wir als Journalisten glaubten „egal was wir machen der Kerl bleibt“. Nun glauben wir „dieser Mann könnte gehen“ und er denkt „ich könnte doch gehen“. Das ist das allerwichtigste was der Gezi-Park mit sich gebracht hat. Mit den Slogan von Obama haben dir Jugendlichen den Onkeln und Vätern gezeigt "Yes you can do it". Wir Älteren haben wirklich angefangen zu denken "ja, diese Jugendlichen könnten Recht haben". Also der Premierminister könnte wirklich gehen. Und der Premierminister hat befürchtet er könnte wirklich gehen. Im Anschluss an diese Furcht sehen wir einen sehr viel härteren panischen Premierminister. Mit dem Auftreten dieser „Why-Generation“ sind zwar unsere Hoffnungen gestiegen, aber unsere Ansehen als Journalisten immens gefallen. Die Gesellschaft hat gesehen, dass gegebenenfalls 20 bis 24 jährige Jugendliche 60 jährige Journalisten mit jahrzehntelanger Erfahrung mehr Hoffnung, noch mehr Sicherheit geben können. Wir Journalisten haben erfahren, dass wir nicht mehr so wichtig sind wie in früheren Zeiten. Gleichzeitig ist der Druck auf uns immens gestiegen. Der Premierminister ist gar nicht mehr zu ertragen. Der Premierminister hat zu Recht erfahren, dass in dem Gezi-Park verschiedene Elemente zusammenkommen. Der Premierminister hat auch erfahren, dass eine Opposition gegen ihn nicht nur im Inland, sondern auch in verschiedenen Teilen im Ausland existiert. Die Gesellschaft, die ihn auf diesen Posten gebracht hat, kann ihn von dort auch wieder wegbringen. Das hat er bemerkt. Aus dem Grund herrscht derzeit eine sehr harte Umgebung. Ich sage es ganz deutlich: es ist eine sehr tödliche Atmosphäre in der Türkei. Ich habe im Dezember 2013 drei Artikel geschrieben darunter auch „Türkiye bağırsaklarını temizliyor“ (zu Deutsch: die Türkei reinigt seinen Darm“). In dem Artikel gehe ich von einem Land aus, das wie  ein Mensch agiert. Er nimmt die Nahrung auf, etwas Neues mit Eigenschaften, die seine Bedürfnisse befriedigen, worauf er sich energischer und stärker fühlt. Daraufhin entsteht von diesen Bedürfnissen die Ballaststoffe, die durch den biologischen Organismus weitertransportiert werden. Was geschieht ist, dass das was zuvor eine positive Wirkung hatte, sorgt nun für Kummer. Der Körper bläht sich auf und es stellt sich das Gefühl ein sich zu erneuern müssen. Als nun die AKP an die Regierung kam waren die Konservativen befriedigt. Auch den Armen geht es nun besser. Der Türkei sind gute Dinge widerfahren. Aber jetzt sind wir an die Ballaststoffe angelangt. Denn was ist passiert? Die Korruptionsfälle, der Weg zur Diktatur, die Ignoranz alles gegen die eigene Linie nicht zu erdulden. Selbst Oligarchen fragen sich was um einen geschieht. Die AKPler tuen noch nicht mal mehr dies. Sie wissen alles von sich aus besser. Was mit alldem hervorgeht ist: Erdogan hat gesehen es gibt eine starke Opposition im Inland und im Ausland gegen ihn. Was diese beide Paradigmen mit sich bringen ist einfach. Tayyip hat Macht und Geld, doch für seine Beschwerden findet er keine Heilung. 

 

 

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